Motion: | Eine Schule befreit von Entfremdung: Vision für eine Sozialistische Bildung |
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Proposer: | JUSO Aargau (decided on: 01/31/2025) |
Status: | Screened |
Submitted: | 01/31/2025, 21:29 |
Ä70 to DE: Eine Schule befreit von Entfremdung: Vision für eine Sozialistische Bildung
Motion text
Eine Schule befreit von Entfremdung: Vision für eine Sozialistische Bildung
Einleitung
Bildung spielt in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle. In unserem westlich geprägten Bildungssystem wird (mindestens) eine Grundbildung von der breiten Gesellschaft und im politischen Diskurs als essentiell im Leben gesehen und gewissermassen gesetzlich gesichert und eine weiterführende Bildung wird als Möglichkeit gesehen, im Leben weiterzukommen und seine eigene finanzielle und soziale Zukunft zu sichern.
Linke bis bürgerliche Parteien auf aller Welt setzen sich vermeintlich für einen besseren Zugang zu Bildung und mehr Chancengleichheit ein. Bildung wird als Möglichkeit gesehen, sich als Individuum zu entwickeln und alle nötigen Fähigkeiten zu erlernen, um Teil einer Gesellschaft zu sein. Diese Entwicklung zum Individuum wird im imperialen Zentrum vorwiegend als Weg in die Berufswelt und als abschliessender, streng strukturierter Prozess verstanden. Was in den im Laufe der europäischen Geschichte aufgekommenen Bildungsbegriffen ebenfalls auffällt: Bildung wird immer als ein individueller Prozess oder sogar als Prozess der Individualisierung verstanden.
In diesem Papier wollen wir eine neue Perspektive und eine Vision aufzeigen, in der Bildung nicht mehr ein rein individueller Prozess ist und nicht als Mittel angesehen wird, einen Menschen in eine bereits bestehende Gesellschaft zu integrieren. Denn Bildung soll der Grundstein unserer Gesellschaft sein und als kollektiver Prozess verstanden werden. Wir werden eine Vision der Bildung in einer sozialistischen und demokratischen Gesellschaft skizzieren.
In diesem Papier verstehen wir unter Bildung alle Institutionen, Personen, Inhalte und andere Strukturen, die in die Vermittlung von Wissen involviert sind. Dazu gehören unter anderem Bildungsstätten wie Grundschulen oder Hochschule, Lehrpläne, Lehrpersonen, Betreuer*innen sowie Schüler*innen. Alle Elemente der Bildung, von Institutionen bis zu Einzelpersonen, sollen zum Ziel haben, die Grundlage für ein gutes Zusammenleben zu schaffen und allen die Werkzeuge zu geben, um in einer demokratischen Gesellschaft mitzubestimmen und sie, falls nötig, zu verändern.
Bildungssystem im Kapitalismus
Das Bildungssystem, dass wir heute kennen, ist von einer humanistischen Vision geprägt. Gemäss dieser Vision soll Bildung Individuen ermöglichen, sich zu entwickeln und emanzipieren.1 Durch den Einfluss des Humanismus2 wurde die Schule ab dem 15. Jahrhundert immer mehr Menschen zugänglich gemacht3 und das Schulobligatorium nach und nach eingeführt.4 Die Reformation hatte ebenfalls einen grossen Einfluss auf den vermehrten Wert, der auf öffentliche Schulen und Bildung gelegt wurde. Da als Teil der Reformation die Bibel auf Deutsch oder andere Landessprachen übersetzt wurde, bekam die Fähigkeit zu lesen einen höheren Stellenwert. Diese Einflüsse des Humanismus und Protestantismus sind im Bildungswesen bis heute sichtbar, so ist das Recht auf eine Grundbildung als Menschenrecht verankert5 und die Zugänglichkeit der Grundbildung wird als wichtiger Pfeiler der Gesellschaft anerkannt oder (angeblich) angestrebt.
Obschon Bildung ein universelles Menschenrecht ist und der Grundschulunterricht für alle Kinder obligatorisch sein und offen stehen sollte, ist der Zugang zu Bildung sehr unterschiedlich. Im weltweiten Schnitt haben 20% der Menschen6 keine Sekundar II Bildung, im sog. globalen Süden sind die Anteile noch höher.7 Auch in der Schweiz ist der Zugang zu Bildung stark von ökonomischen Verhältnissen geprägt; Kinder von Akademiker*innen haben doppelt so hohe Chancen auf einen Uni-Abschluss als Kinder von Nicht-Akademiker*innen.8
Die Nicht-Umsetzung des Rechts auf Bildung ist auf den Kapitalismus zurückzuführen. In Ländern, in denen Menschen nur schwer Zugang zu Bildung haben, sind Menschen einer starken Ausbeutung ausgeliefert, die auf den Kapitalismus und koloniale Strukturen zurückzuführen ist. Gleichzeitig ist die Unzugänglichkeit ein Faktor, der den Kapitalismus stützt. Dadurch, dass vor allem Menschen im globalen Süden der Zugang zu Bildung verwehrt wird, wird ihre Ausbeutung erleichtert und gerechtfertigt. Durch den eingeschränkten Zugang wird die Ausbeutung legitimiert und zur Verantwortung der Bevölkerung gemacht, indem argumentiert wird, dass ungebildete Menschen nur körperlicher Arbeit nachgehen können. Aufgrund fehlender oder mangelnder Bildung wird der Zugang zu wichtigen Informationen, wie z.B den eigenen Rechten in einem Arbeitsverhältnis oder anderen Abwehrformen gegen Ausbeutung, erschwert.
In Ländern, wo Bildung für die breite Bevölkerung zugänglicher ist, spielt das Bildungssystem ebenfalls eine wichtige Rolle in der Aufrechterhaltung des Kapitalismus. Bildung hat ein grosses emanzipatorisches Potenzial, das aktuell einem grossen Teil der Bevölkerung verwehrt wird. Es reicht jedoch nicht, nur einen breiteren Zugang zum Bildungssystem anzustreben.
Die grundlegenden Probleme im aktuellen Bildungssystem können innerhalb des Kapitalismus nicht gelöst werden. Das Bildungssystem ist nämlich nicht einfach ein Nebenprodukt der Profit- und Konkurrenz-Logik des Kapitalismus, sondern trägt massiv zum Erhalt dieses Systems bei. Im Kapitalismus ist das Bildungssystem ein Mittel, den gesellschaftlichen Konsens aufrechtzuerhalten und die Unterdrückung im Kapitalismus zu legitimieren.9 Der gesellschaftliche Konsens ist im Kapitalismus eine Möglichkeit, Herrschaftsstrukturen ohne (Staats-)Gewalt aufrechtzuerhalten. Um einen Konsens aufzubauen, werden Ideen, Vorgehensweisen sowie Unterdrückungsformen normalisiert und legitimiert. Konkret hat die Konsensbildung und somit auch das Bildungssystem die Funktion, die Anforderungen des Kapitalismus zu erfüllen.10 Das bedeutet konkret, dass Schüler*innen an lange Arbeitstage, Leistungsdruck, Hierarchien, 5-Tage Wochen, Konkurrenz und viele weitere Modalitäten der Arbeitswelt gewohnt werden.
Diese Funktion zeigt sich in jedem Bildungssystem; auch in der Schweiz. Noten, Stufen, Prüfungen und alle Möglichkeiten um Schüler*innen zu beurteilen und zu sortieren, funktioniert als eine Art “Filter”, um Menschen auf ihre Arbeit nach der Ausbildung vorzubereiten. In diesem Kontext ist Bildung bloss ein Mittel, um Zugang zur Arbeitswelt zu erhalten. Mit vereinfachten Beurteilungen und einer strikten Reglementierung des Bildungswegs kann die Vorbereitung auf die Arbeitswelt effizient gestaltet werden. Dieses Bildungsziel hat starke Auswirkungen auf die Schüler*innen. Fast ein Drittel der Schweizer Jugendlichen sind im Alltag einem hohen Stress ausgesetzt, noch viele mehr fühlen sich im Alltag gestresst11 und ein Drittel der 11-15 Jährigen fühlt sich durch die Arbeit in Verbindung mit der Schule gestresst, vor allem aufgrund des Leistungsdrucks und der grossen Arbeitslast.12 Dieser alltägliche Stress hat verheerende Folgen: In einer Studie von UNICEF, die in der Schweiz durchgeführt wurde, schätzten 45% der befragten Jugendlichen ihre psychische Gesundheit als schlecht ein.13
Der Beitrag der Schule zur Normalisierung von Unterdrückung betrifft nicht nur Arbeitsverhältnisse im klassischen Sinne. Alle Unterdrückungsstrukturen werden in der Schule reproduziert und gefestigt. Dies hat ebenfalls schwere Folgen für Betroffene. So haben rassistische Vorfälle an Schulen im letzten Jahr deutlich zugenommen.14 Diese Zunahme ist eine Reflektion der rassistischen Strukturen, die in der gesamten Gesellschaft eingebettet sind. Unser Bildungssystem stützt Unterdrückungsstrukturen und wird gleichzeitig von Unterdrückungsstrukturen. Diskriminierung wie sie in Schulen vorkommt ist jeweils ein Ausdruck von gesellschaftlichen Strukturen und wird diese Strukturen auch stärken.
Auch fördert unser Bildungssystem durch seine Struktur das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern und somit die Unterdrückung und Gewalt die Kinder erleben. Die Schule ist klar hierarchisch aufgebaut und basiert auf der Idee, dass die Erwachsenen Macht über die Kinder haben müssen, um sie zu Erwachsenen herauszubilden.15
Diese Probleme können nicht bloss mit mehr “Chancengleichheit”, Sozialarbeiter*innen oder ein bisschen mehr Budget für die Schulen gelöst werden. Bildung hat ein emanzipatorisches Potential und spielt im Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft eine zentrale Rolle. Um dieses Potential zu nutzen, reicht ein breiterer Zugang zu Bildung nicht. Der Grundanspruch der Bildung muss geändert werden und die Schule und alle möglichen Bildungsinstitutionen müssen sich den Bedürfnissen der gesamten Gesellschaft anpassen.
Aus diesem Grund ist eine Konzeptualisierung eines sozialistischen Bildungssystem dringend notwendig.
Bildung für eine demokratisierte Gesellschaft
Eigentlich soll Bildung Menschen ermöglichen, an einer demokratisierten Gesellschaft zu partizipieren und ihre eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. Dafür wollen wir eine Gesellschaft aufbauen, in der alle Lebensbereiche demokratisiert werden.
Der Prozess der Demokratisierung sowie die Aufrechterhaltung von demokratischen Strukturen verlangen eine gemeinsame gesellschaftliche Grundlage. In einer kapitalistischen Gesellschaft sind demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten hauptsächlich auf politische Institutionen durch Wahlen, Referenden etc. begrenzt. Dabei ist demokratische Kontrolle in wichtigen Bereichen, wie z.B der Produktion von Gütern, komplett inexistent.
Auch in einer sozialistischen Gesellschaft werden wir weiterhin von komplexen Prozessen und Systemen umgeben sein, über die wir demokratisch bestimmen müssen. Um solche Entscheidungen zu treffen und zu verstehen, ist eine gemeinsame Grundbildung sowie die Möglichkeit, sich weiterzubilden oder freiwillig an jegliche Informationen und Lerninhalte zu kommen, grundlegend.
Ein sozialistisches Bildungssystem hat also das Ziel, eine gemeinsame Wissensgrundlage für die gesamte Gesellschaft sicherzustellen und jegliche weiterführenden Lerninhalte verfügbar und zugänglich zu machen. Dieses Ziel soll nicht individuell ausgelegt werden, sondern im Sinne der kollektiven Bedürfnisse organisiert werden. Eine sozialistische Bildung hat nicht (nur) zum Ziel, Individuen zu emanzipieren, sondern die Gesellschaft als Ganzes zu emanzipieren.
Um ein solches Bildungssystem aufzubauen, müssen die Voraussetzungen dafür erfüllt werden. Machtstrukturen, die unser heutiges Bildungssystem prägen, müssen zerstört werden. Denn nur so kann ein Bildungssystem den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht werden.
Schulspezifische Machtstrukturen sprengen!
Kinder haben ein Recht auf eine würdige Position innerhalb der Gesellschaft. Dieses Recht muss in einem sozialistischen Bildungssystem strukturell garantiert werden. Bildungsinstitutionen müssen daher zwingend demokratisch organisiert sein und so organisiert werden, dass sie Wissen kollektiv, gleichberechtigt und gewaltfrei entwickeln.
Machtstrukturen zwischen Erwachsenen und Kindern finden sich im Bildungskontext wieder. So wird Eltern oder Pädagogen eine gewisse rechtliche und strukturelle Macht übertragen, da sie auch die Gesamtverantwortung für Minderjährige tragen. Diese Hierarchisierung während der frühen Sozialisierung von Kindern ermöglicht es unterdrückerischen Systemen, sich selbst zu erhalten. Indem Minderjährigen Autorität beigebracht und ihre Vorstellungskraft und ihr kritisches Denkvermögen eingeschränkt wird, werden sie zur aktiven Erhaltung des Systems gebildet.
Eine gewisse Form der Unterscheidung zwischen Erwachsenen und Kindern ist jedoch notwendig, da der Konsens und die Entscheidungsfindung von Minderjährigen selbst in einer sozialistischen Gesellschaft nicht völlig frei und informiert sein kann, auch wenn es ihr eigenes Zeitmanagement oder Lerninhalte betrifft.
Pädagog*innen und andere Mitglieder der Gesellschaft müssen daher verantwortungsvoll und im Sinne der Bedürfnisse des Kindes handeln und dabei mit Empathie handeln. Erwachsenen werden gegenüber Kindern immer eine Machtposition haben, die mit ihren Erfahrungen und Kompetenzen verbunden ist. Diese darf nicht missbraucht werden und die von der Gemeinschaft gesetzten Grenzen nicht überschreiten.
Ein System, das auf Machtmissbrauch und psychische und physische Gewalt durch Erwachsene basiert und Kindern Entscheidungen aufzwingt hat keinen Platz in einer sozialistischen Gesellschaft. Eine aktive Beteiligung von Kindern ist unumgänglich. Kinder, die an Entscheidungen, die sie betreffen, teilnehmen können werden als vollwertige Personen wahrgenommen und fühlen sich verstanden. Dies hat einen positiven Einfluss auf das Selbstvertrauen und das Verantwortungsbewusstsein des Kindes, aber auch auf seine intellektuelle Entwicklung, im Gegensatz zum Einsatz von Strafen.16
Abgesehen vom Adultismus sind Bildungseinrichtungen von allen Unterdrückungsstrukturen geprägt. Kinder werden sowohl von den Lehrpersonen als auch von Mitschüler*innen in Schubladen gesteckt. So ist ein differenziertes Verhalten zwischen Geschlechtern, Kindern aus reichen oder armen Verhältnissen, Migrant*innen oder Nicht-Migrant*innen im aktuellen System an der Tagesordnung. Das aktuelle Bildungssystem ist nicht für alle geeignet und Menschen mit einer oder mehreren Behinderungen werden systematisch ausgeschlossen. Trotz der Versuche, das Konzept der inklusiven Schule einzuführen, d. h. das Angebot und die Form der Bildung an die individuellen Bedürfnisse und vor allem an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anzupassen, sind die bestehenden Bildungseinrichtungen nicht in der Lage, Unterdrückungsstrukturen abzubauen. Die inklusive Schule wird übrigens von bürgerlichen Parteien unter dem Argument der hohen Kosten stark angegriffen.
Ohne gesellschaftliche Machtstrukturen zu zerstören, zu denen im Falle der Bildung insbesondere der Adultismus gehört, ist es nicht möglich, ein wirklich kollektives Lernsystem zu schaffen, in dem alle Lernenden gleichberechtigt sind.
Kollektives Lernen und Individualität?
Lernen ist ein kollektiver Prozess, erfordert aber auch individuelle Bemühungen. Deshalb muss es Bildungsangebote geben, die individuelles Lernen ermöglichen. Das ist sowohl aus ideologischen Gründen, weil Kinder als Menschen ein Recht auf Selbstbestimmung haben, als auch aus funktionalen Gründen der Motivation notwendig.
Selbstbestimmtes Lernen wirkt sich positiv auf die Qualität des Lernens und die Zufriedenheit der Lernenden aus,17 ist effektiv und fördert die Lernmotivation18. Neben einer allgemeinen Bildung sollte man sich stärker an den Bedürfnissen des Kollektivs orientieren und dabei die persönlichen Bedürfnisse der Einzelpersonen weiterhin beachten. Diese Aufmerksamkeit für jede*n muss im Schulalltag sowie am Arbeitsplatz möglich sein.
Obwohl die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern berücksichtigt werden müssen und die Bildung an ihre Fähigkeiten angepasst werden muss, darf man nicht vergessen, dass ihre Präferenzen - in diesem Fall in Bezug auf das, was sie lernen möchten - aus ihrer Sozialisation resultieren. Es gibt keine rein individuellen Bedürfnisse und Wünsche, sondern ein Aufbau von eigenen Präferenzen in Abgrenzung zu den anderen.19 Somit sind Präferenzen grundsätzlich soziale Konstruktionen und Lerninhalte müssen kollektiv reflektiert werden, um den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht zu werden. In einer sozialistischen und somit klassenlosen Gesellschaft folgt der individualistische Aspekt der Bildung nicht der kapitalistischen Logik des Individualismus, da alle Menschen im gleichen sozioökonomischen Verhältnis leben.
Im Gegensatz zum individualistischen Aspekt der Bildung in einem kapitalistischen System ist die Gemeinschaft das wichtigste und erste Merkmal einer sozialistischen Bildung. Lernen ist immer ein dialogischer und dialektischer, also zweiseitiger und interaktiver Prozess. Lernende sind nie nur «Behälter», die Inhalte passiv aufnehmen, sondern nehmen aktiv und reflektierend an der Vermittlung von Bildungsinhalten Teil. Im Gegensatz zu einer Pädagogik, die die Schüler*innen nur „füllen“ will und von Paulo Freire als „Schulbankpädagogik“20 bezeichnet wird, erkennt die sozialistische Bildung die gemeinsame Konstruktion von Wissen an, die einen kollektiven Lernprozess erfordert.
Bildungsinstitutionen
Bildung existiert nicht in einem Vakuum, sondern ist das Produkt von Bildungsinstitutionen. Diese werden in einer sozialistischen Welt wie der Rest der Gesellschaft organisiert sein: demokratisch! Entscheidungen zur Bildung müssen von den Schüler*innen, den Lehrer*innen und allen anderen Personen, die an der Leitung einer Bildungseinrichtung beteiligt sind, sowie von Vertreter*innen der Gesellschaft als Ganzes gemeinsam getroffen werden.
Bildungseinrichtungen sollten auf die Bedürfnisse einer lokalen Gemeinschaft ausgerichtet sein und gleichzeitig Standards erfüllen, die auf einer breiteren Ebene entwickelt wurden. Ihre Verwaltungsstruktur sollte auf einem zentralen Modell basieren, das regelmässig geändert und mithilfe der gesammelten Erkenntnisse verbessert wird. Diese Struktur muss sich dann in ihrer Umsetzung an die lokalen Bedürfnisse anpassen.
Lokale Bildungseinrichtungen müssen über Plattformen verfügen, die es ihnen ermöglichen, regelmässig Erfahrungen mit anderen Einrichtungen auszutauschen, um ihre Arbeitsweise zu verbessern.
Bildungseinrichtungen sollen nicht nur Verwaltungen sein; sie haben auch eine physische Form, mit Gebäuden und Räumen, in denen der Unterricht stattfinden kann. Diese Räume müssen für alle offen und zugänglich sein und Dienstleistungen und Beteiligungsmöglichkeiten für alle anbieten, nicht nur für die Schüler*innen. Bildungseinrichtungen sollten sich in der Nähe von Wohnorten befinden, damit niemand einen weiten Weg zurücklegen muss, um sich zu bilden.
Zugängliche Räumlichkeiten für Einzelpersonen oder Gruppen die Bildungsinhalte vermitteln oder lernen möchten, sowie Ressourcensammlungen sind zentral, um ein möglichst für alle zugängliches Angebot zu schaffen. Bildungseinrichtungen müssen entweder grosse Bibliotheken anbieten oder sich in ausreichender Nähe zu diesen befinden, damit der Wechsel von einem Ort zum anderen leicht möglich ist.
Lehrpläne
Die Ausbildung muss eine gemeinsame Grundlage umfassen, die die Menschen ab einem frühen Alter beschäftigen soll. Diese gemeinsame Grundalge soll zugänglich sein, bis die Menschen die notwendigen Grundkenntnisse erlangt haben, um in der Gesellschaft teilzunehmen. Die detaillierte Struktur dieses Grundbildungsprogramms muss auf der Basis von gesammelten Erfahrungen angepasst und regelmässig überarbeitet werden. Natürlich werden je nach Alter unterschiedliche Lernmethoden angewandt. Bei sehr kleinen Kindern sollten Inhalte auf spielerische Weise vermittelt und in den Alltag integriert werden. Mit zunehmendem Alter ist es möglich, schrittweise formellere Unterrichtsmodelle einzuführen, wobei die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, insbesondere in Bezug auf Pausen und Ruhezeiten, berücksichtigt werden müssen.
Dieses Grundausbildungsprogramm deckt jedoch nicht alle Bildungsbedürfnisse einer sozialistischen Gesellschaft ab. Nach Abschluss des Grundlehrgangs sollten alle Menschen die Möglichkeit haben, ihr Wissen in den Bereichen, die sie interessieren, durch weiterführende Bildungsprogramme zu erweitern. Um für möglichst viele Menschen zugänglich zu sein, müssen diese Programme mit der Arbeit vereinbar sein, insbesondere was den zeitlichen Aufwand betrifft. Die geplante Kürzung der Arbeitszeit wird Zeit freisetzen, die insbesondere für diese Bildung verwendet werden kann.
Bildung soll somit das ganze Leben lang zugänglich sein. Dieses Ziel unterscheidet sich grundlegend vom aktuellen neoliberalen Credo vom „lebenslangen Lernen“. Dieser aktuelle Diskurs ist nämlich ein Zwang für Arbeiter*innen, sich beruflich umzuorientieren, da Berufsfelder ständig neu zusammengesetzt werden, insbesondere durch Stellenabbau. Die heutigen Weiterbildungsmöglichkeiten zielen in der Regel auf die Entwicklung von Kompetenzen ab, die für die Privatwirtschaft nützlich sind, und sind oft mit dem Managementbereich verbunden. Das sozialistische Projekt für die Erwachsenenbildung sieht ganz anders aus. Alle sollen nicht nur die Möglichkeit haben, ihr Wissen mit einem zuverlässigen und zugänglichen Bildungsangebot zu erweitern, sondern sogar dazu ermutigt werden.
Die gesammelten Erfahrungen werden dabei helfen, Lehrpläne zu organisieren. Es wäre z.B denkbar, verpflichtende Schulungen zu bestimmten Themen anzubieten, bevor eine kollektive Entscheidung über diese Themen getroffen wird.
Was sollte den Menschen beigebracht werden?
Menschen in einer postkapitalistischen Gesellschaft müssen in der Lage sein, Teil eines demokratischen Gemeinwesens zu sein und zu diesem beizutragen. Deswegen müssen sie schon in einem jungen Alter mit demokratischen Strukturen vertraut gemacht werden. Es reicht jedoch nicht aus, Wissen über Demokratie zu vermitteln. Kinder müssen schon früh mit demokratischen Strukturen konfrontiert werden und lernen, sich in einer Demokratie zu engagieren. Kinder müssen lernen, in einer sozialen Einheit zusammenzuarbeiten.
Erziehung zur Demokratie soll die Fähigkeit zu kritischem Denken fördern. So sollen alle in der Lage sein, politische und soziale Strukturen zu hinterfragen und sie nach der materialistischen Dialektik zu analysieren. Darüber hinaus soll Demokratieerziehung Menschen helfen, ihr eigenes Potenzial zu erkennen und zu entwickeln.
Bildung muss auch dazu beitragen, dass sich die Menschen als Mitglieder einer Gemeinschaft entfalten können, was eine gewisse „soziale“ Bildung voraussetzt. Kinder müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu verstehen und zu respektieren, aber auch die Bedürfnisse anderer und der Gemeinschaft als Ganzes. Ausserdem ist das Erlernen kollektiver Entscheidungen und der Zusammenarbeit mit anderen entscheidend, da eine sozialistische Gesellschaft die natürliche Zusammenarbeit zwischen den Menschen fördert und nicht den liberalen Wettbewerb. Es ist wichtig, dass die Menschen lernen, soziale Gerechtigkeit und kollektive Verantwortung zu verstehen. Sie müssen auch lernen, wie wichtig Solidarität ist und wie sie gemeinsame Herausforderungen bewältigen können. Das Verständnis von sozialen Ungleichheiten und strukturellen Ursachen von Armut und Diskriminierung sind ebenfalls wichtige Aspekte der Sozialerziehung. Dafür müssen auch die Zusammenhänge zwischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren vermittelt werden um so besser in der Lage sein, sich für Veränderungen einzusetzen und mögliche Herrschaftsverhältnisse, die eine sozialistische Gesellschaft durchdringen würden, zu hinterfragen.
Um eine umfassende und vielfältige Bildung zu bieten, müssen ausserdem alle in der Lage sein, Werkzeuge des kritischen Denkens, wie z. B. wissenschaftliche Methoden, anzuwenden. Durch ein Verständnis der Erkenntnistheorie, wird die Teilnahme an wissenschaftlichen Debatten ermöglicht. Diese Teilnahme ist notwendig, um den wissenschaftlichen Sozialismus zu verstehen, aber auch für die Entscheidungsfindung innerhalb einer Gemeinschaft über Themen, die nicht von der Bevölkerung als Ganzes beherrscht werden. Nur durch diese wissenschaftlichen Werkzeuge kann man die Informationen, die man braucht, um sich eine freie und fundierte Meinung zu bilden, kritisch nutzen. Die Arbeit mit wissenschaftlichen Methoden ist daher emanzipatorisch, da sie neben dem Lernen in Geschichte und Geisteswissenschaften auch das Lernen aus der Vergangenheit ermöglicht und die Fähigkeit zum kritischen Denken fördert.
Zudem ist es nicht möglich, sich als Mensch zu entfalten, wenn man nicht von der eigenen, nicht entfremdeten Arbeit profitieren kann und einer ausgrenzenden Form der Arbeitsteilung unterworfen ist. Eine emanzipatorische Bildung hat daher auch die Aufgabe, Menschen mit ausreichenden handwerklichen Fähigkeiten auszustatten, um durch die eigene Arbeitskraft Gegenstände herzustellen oder sonstige Bedürfnisse erfüllen zu können. Ohne diese Arbeit, die als Handarbeit oder im weiteren Sinne als kreativ und produktiv bezeichnet werden kann, werden Menschen entweder von ihrer Arbeit entfremdet oder verbürgerlicht.
Fazit
Zusammenfassend kann man sagen, dass das derzeitige Bildungssystem zwar emanzipatorische Elemente enthält, aber hauptsächlich für die Aufrechterhaltung von Unterdrückungssystemen entwickelt und genutzt wird. Der aktuelle Aufbau des Bildungswesens in der Schweiz, trägt zur Festigung und Reproduktion der Unterdrückung durch eine kapitalistische Elite und der daraus resultierenden sozialen Ungleichheiten bei. Deswegen muss das Bildungssystem von Grund auf neu überdacht werden; kleine Reformen sind keine Lösung.
Um das System zu sprengen, müssen wir uns auf einige strategisch ausgewählte Punkte konzentrieren. Aus diesem Grund haben wir in unserem bildungspolitischen Übergangsprogramm die folgenden Forderungen aufgestellt, die wir kompromisslos verteidigen wollen:
Die Einführung von Strukturen für horizontale und demokratische Entscheidungen in allen Bildungseinrichtungen
Die Unterstützung der Demokratisierung von Bildungseinrichtungen und die Bereitstellung neuer Instrumente zur demokratischen Entscheidungsfindung ist zentral. So können Schüler*innen praktische Erfahrungen zur Demokratie sammeln und es wird aufgezeigt, dass es möglich ist, Institutionen demokratisch zu betreiben. Darüber hinaus würde dies das Interesse von Schüler*innen für demokratische Forderungen am Arbeitsplatz erhöhen und Schüler*innen dazu bewegen, die aktuellen Produktionsverhältnisse in Frage zu stellen. Die Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, sind vielfältig und hängen von den jeweiligen Institutionen und ökonomischen Verhältnissen ab und können hier nicht abschliessend aufgelistet werden.
Kostenlose Bildung, sowohl in Bezug auf Kursgebühren als auch auf Materialien, in allen Bildungsstufen
Es ist entscheidend, dass Bildung für alle Menschen zugänglich ist. Die Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung als zentrales Argument für eine kostenlose Bildung zeigen zudem die Rolle der sozialen Klassenunterschiede und der sozialen Reproduktion auf.
Die Einführung eines Student*innenlohns, um das Studium für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen und sie wertzuschätzen:
Die Einführung eines Student*innenlohns bedeutet, dass das Studium für seinen kollektiven und nicht nur individuellen Nutzen anerkannt wird. Darüber hinaus ist es auch ein Punkt, der es ermöglicht, prekär beschäftigte Student*innen zu mobilisieren, die dringend finanzielle Unterstützung brauchen. Die Forderung ist strategisch relevant und stellt die Definition von Arbeit grundlegend in Frage. Sie bietet also eine Grundlage, um darauffolgend viele relevante Fragen wie die Care-Arbeit anzugehen.
Über diese Übergangsforderungen hinaus, die es uns ermöglichen, in eine klare Richtung zu gehen, muss unser Endziel der Umsturz des gegenwärtigen Systems sein. Eine sozialistische Bildung darf keine Waffe der Unterdrückung sein, sondern ein Werkzeug der individuellen und kollektiven Emanzipation: Damit wir nicht länger der Ausbeutung unterworfen sind, sondern uns entfalten können, müssen wir uns die Fähigkeit aneignen, die Welt zu verändern.
1 Wilhelm von Humboldt, Schriften zur Bildung, Hrsg. Lauer, S. 6.
2 Humanismus ist ein Sammelbegriff für Denkströmungen, die ca. im 18. Jh. aufgekommen sind und sich für Menschenwürde und Gesellschafts- und Bildungsideale eingesetzt haben.
3https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017432/2015-03-18/ , geöffnet am 29.11.2024.
4 z.B Einführung des Schulobligatoriums im Jahr 1536 in Genf.
5 Art. 26, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
6Menschen zwischen 25 und 65 Jahren in OECD-Ländern.
7OECD (2024), Bildung auf einen Blick 2024: OECD-Indikatoren, wbv Media, Bielefeld, https://doi.org/10.1787/e7565ada-de, Seite 53.
8TREE (2016): Documentation on the first TREE cohort (TREE1), 2000–2016. Bern: TREE.
9Hegemonie bilden - Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci, Maria do Mar Castro Varela, S. 21.
10Hegemonie bilden - Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci, Maria do Mar Castro Varela, S. 22.
11Pro Juventute - Stress Studie 2021, S. 4.
12Gesundheit und Wohlbefinden bei Jugendlichen Nora Balsiger, Marina Delgrande Jordan & Valentine Schmidhauser Sucht Schweiz ,Oktober 2023
13Barrense-Dias Y, Chok L, Surís JC. A picture of the mental health of adolescents in Switzerland and Liechtenstein. Lausanne, Unisanté – Centre universitaire de médecine générale et santé publique, 2021 (Raisons de santé 323).
15Liebel, Manfred; Meade, Philip - Schule ohne Adultismus? Die Macht über Kinder herausfordern, S. 206.
16Cuartas J, McCoy DC, Grogan-Kaylor A, Gershoff E. Physical punishment as a predictor of early cognitive development: Evidence from econometric approaches. Dev Psychol. 2020 Nov;56(11):2013-2026. doi: 10.1037/dev0001114. Epub 2020 Sep 7. PMID: 32897084; PMCID: PMC7983059.
17Scales of motivational regulation in student learning, Florian H. Müller, Barbara Hanfstingl & Irina Andreitz, 2007.
18Edward L. Deci/Richard M. Ryan. Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik.
19Bourdieu, P. (2024). Die Unterscheidung: Sozialkritik des Urteils. Editions de Minuit.
20Paulo Freire, La Pédagogie des opprimés, Marseille, Agone, Coll. „Contre-feux“, 2021, 298 S., Vorwort von Irène Pereira, Übersetzung aus dem Portugiesischen von Élodie Dupau und Melenn Kerhoas, 1. Aufl. 1968, ISBN: 978-2-7489-0452-9.
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