Sprache
Motion: | Eine Schule befreit von Entfremdung: Vision für eine Sozialistische Bildung |
---|---|
Proposer: | JUSO Zug (decided on: 01/29/2025) |
Status: | Screened |
Proposed procedure: | Accepted |
Submitted: | 01/29/2025, 19:50 |
Motion: | Eine Schule befreit von Entfremdung: Vision für eine Sozialistische Bildung |
---|---|
Proposer: | JUSO Zug (decided on: 01/29/2025) |
Status: | Screened |
Proposed procedure: | Accepted |
Submitted: | 01/29/2025, 19:50 |
von Unterdrückungssystemen entwickelt und genutzt wird. Der aktuelle Aufbau des Bildungswesens in der Schweiz, trägt zur Festigung und Reproduktion der Unterdrückung durch eine kapitalistische Elite und der daraus resultierenden sozialen Ungleichheiten bei. Deswegen muss das Bildungssystem von Grund auf neu überdachtkonzipiert werden; kleine Reformen sind keine Lösung.
Einleitung
Bildung spielt in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle. In unserem westlich
geprägten Bildungssystem wird (mindestens) eine Grundbildung von der breiten
Gesellschaft und im politischen Diskurs als essentiell im Leben gesehen und
gewissermassen gesetzlich gesichert und eine weiterführende Bildung wird als
Möglichkeit gesehen, im Leben weiterzukommen und seine eigene finanzielle und
soziale Zukunft zu sichern.
Linke bis bürgerliche Parteien auf aller Welt setzen sich vermeintlich für einen
besseren Zugang zu Bildung und mehr Chancengleichheit ein. Bildung wird als
Möglichkeit gesehen, sich als Individuum zu entwickeln und alle nötigen
Fähigkeiten zu erlernen, um Teil einer Gesellschaft zu sein. Diese Entwicklung
zum Individuum wird im imperialen Zentrum vorwiegend als Weg in die Berufswelt
und als abschliessender, streng strukturierter Prozess verstanden. Was in den im
Laufe der europäischen Geschichte aufgekommenen Bildungsbegriffen ebenfalls
auffällt: Bildung wird immer als ein individueller Prozess oder sogar als
Prozess der Individualisierung verstanden.
In diesem Papier wollen wir eine neue Perspektive und eine Vision aufzeigen, in
der Bildung nicht mehr ein rein individueller Prozess ist und nicht als Mittel
angesehen wird, einen Menschen in eine bereits bestehende Gesellschaft zu
integrieren. Denn Bildung soll der Grundstein unserer Gesellschaft sein und als
kollektiver Prozess verstanden werden. Wir werden eine Vision der Bildung in
einer sozialistischen und demokratischen Gesellschaft skizzieren.
In diesem Papier verstehen wir unter Bildung alle Institutionen, Personen,
Inhalte und andere Strukturen, die in die Vermittlung von Wissen involviert
sind. Dazu gehören unter anderem Bildungsstätten wie Grundschulen oder
Hochschule, Lehrpläne, Lehrpersonen, Betreuer*innen sowie Schüler*innen. Alle
Elemente der Bildung, von Institutionen bis zu Einzelpersonen, sollen zum Ziel
haben, die Grundlage für ein gutes Zusammenleben zu schaffen und allen die
Werkzeuge zu geben, um in einer demokratischen Gesellschaft mitzubestimmen und
sie, falls nötig, zu verändern.
Bildungssystem im Kapitalismus
Das Bildungssystem, dass wir heute kennen, ist von einer humanistischen Vision
geprägt. Gemäss dieser Vision soll Bildung Individuen ermöglichen, sich zu
entwickeln und emanzipieren.1 Durch den Einfluss des Humanismus2 wurde die
Schule ab dem 15. Jahrhundert immer mehr Menschen zugänglich gemacht3 und das
Schulobligatorium nach und nach eingeführt.4 Die Reformation hatte ebenfalls
einen grossen Einfluss auf den vermehrten Wert, der auf öffentliche Schulen und
Bildung gelegt wurde. Da als Teil der Reformation die Bibel auf Deutsch oder
andere Landessprachen übersetzt wurde, bekam die Fähigkeit zu lesen einen
höheren Stellenwert. Diese Einflüsse des Humanismus und Protestantismus sind im
Bildungswesen bis heute sichtbar, so ist das Recht auf eine Grundbildung als
Menschenrecht verankert5 und die Zugänglichkeit der Grundbildung wird als
wichtiger Pfeiler der Gesellschaft anerkannt oder (angeblich) angestrebt.
Obschon Bildung ein universelles Menschenrecht ist und der Grundschulunterricht
für alle Kinder obligatorisch sein und offen stehen sollte, ist der Zugang zu
Bildung sehr unterschiedlich. Im weltweiten Schnitt haben 20% der Menschen6
keine Sekundar II Bildung, im sog. globalen Süden sind die Anteile noch höher.7
Auch in der Schweiz ist der Zugang zu Bildung stark von ökonomischen
Verhältnissen geprägt; Kinder von Akademiker*innen haben doppelt so hohe Chancen
auf einen Uni-Abschluss als Kinder von Nicht-Akademiker*innen.8
Die Nicht-Umsetzung des Rechts auf Bildung ist auf den Kapitalismus
zurückzuführen. In Ländern, in denen Menschen nur schwer Zugang zu Bildung
haben, sind Menschen einer starken Ausbeutung ausgeliefert, die auf den
Kapitalismus und koloniale Strukturen zurückzuführen ist. Gleichzeitig ist die
Unzugänglichkeit ein Faktor, der den Kapitalismus stützt. Dadurch, dass vor
allem Menschen im globalen Süden der Zugang zu Bildung verwehrt wird, wird ihre
Ausbeutung erleichtert und gerechtfertigt. Durch den eingeschränkten Zugang wird
die Ausbeutung legitimiert und zur Verantwortung der Bevölkerung gemacht, indem
argumentiert wird, dass ungebildete Menschen nur körperlicher Arbeit nachgehen
können. Aufgrund fehlender oder mangelnder Bildung wird der Zugang zu wichtigen
Informationen, wie z.B den eigenen Rechten in einem Arbeitsverhältnis oder
anderen Abwehrformen gegen Ausbeutung, erschwert.
In Ländern, wo Bildung für die breite Bevölkerung zugänglicher ist, spielt das
Bildungssystem ebenfalls eine wichtige Rolle in der Aufrechterhaltung des
Kapitalismus. Bildung hat ein grosses emanzipatorisches Potenzial, das aktuell
einem grossen Teil der Bevölkerung verwehrt wird. Es reicht jedoch nicht, nur
einen breiteren Zugang zum Bildungssystem anzustreben.
Die grundlegenden Probleme im aktuellen Bildungssystem können innerhalb des
Kapitalismus nicht gelöst werden. Das Bildungssystem ist nämlich nicht einfach
ein Nebenprodukt der Profit- und Konkurrenz-Logik des Kapitalismus, sondern
trägt massiv zum Erhalt dieses Systems bei. Im Kapitalismus ist das
Bildungssystem ein Mittel, den gesellschaftlichen Konsens aufrechtzuerhalten und
die Unterdrückung im Kapitalismus zu legitimieren.9 Der gesellschaftliche
Konsens ist im Kapitalismus eine Möglichkeit, Herrschaftsstrukturen ohne
(Staats-)Gewalt aufrechtzuerhalten. Um einen Konsens aufzubauen, werden Ideen,
Vorgehensweisen sowie Unterdrückungsformen normalisiert und legitimiert. Konkret
hat die Konsensbildung und somit auch das Bildungssystem die Funktion, die
Anforderungen des Kapitalismus zu erfüllen.10 Das bedeutet konkret, dass
Schüler*innen an lange Arbeitstage, Leistungsdruck, Hierarchien, 5-Tage Wochen,
Konkurrenz und viele weitere Modalitäten der Arbeitswelt gewohnt werden.
Diese Funktion zeigt sich in jedem Bildungssystem; auch in der Schweiz. Noten,
Stufen, Prüfungen und alle Möglichkeiten um Schüler*innen zu beurteilen und zu
sortieren, funktioniert als eine Art “Filter”, um Menschen auf ihre Arbeit nach
der Ausbildung vorzubereiten. In diesem Kontext ist Bildung bloss ein Mittel, um
Zugang zur Arbeitswelt zu erhalten. Mit vereinfachten Beurteilungen und einer
strikten Reglementierung des Bildungswegs kann die Vorbereitung auf die
Arbeitswelt effizient gestaltet werden. Dieses Bildungsziel hat starke
Auswirkungen auf die Schüler*innen. Fast ein Drittel der Schweizer Jugendlichen
sind im Alltag einem hohen Stress ausgesetzt, noch viele mehr fühlen sich im
Alltag gestresst11 und ein Drittel der 11-15 Jährigen fühlt sich durch die
Arbeit in Verbindung mit der Schule gestresst, vor allem aufgrund des
Leistungsdrucks und der grossen Arbeitslast.12 Dieser alltägliche Stress hat
verheerende Folgen: In einer Studie von UNICEF, die in der Schweiz durchgeführt
wurde, schätzten 45% der befragten Jugendlichen ihre psychische Gesundheit als
schlecht ein.13
Der Beitrag der Schule zur Normalisierung von Unterdrückung betrifft nicht nur
Arbeitsverhältnisse im klassischen Sinne. Alle Unterdrückungsstrukturen werden
in der Schule reproduziert und gefestigt. Dies hat ebenfalls schwere Folgen für
Betroffene. So haben rassistische Vorfälle an Schulen im letzten Jahr deutlich
zugenommen.14 Diese Zunahme ist eine Reflektion der rassistischen Strukturen,
die in der gesamten Gesellschaft eingebettet sind. Unser Bildungssystem stützt
Unterdrückungsstrukturen und wird gleichzeitig von Unterdrückungsstrukturen.
Diskriminierung wie sie in Schulen vorkommt ist jeweils ein Ausdruck von
gesellschaftlichen Strukturen und wird diese Strukturen auch stärken.
Auch fördert unser Bildungssystem durch seine Struktur das Machtgefälle zwischen
Erwachsenen und Kindern und somit die Unterdrückung und Gewalt die Kinder
erleben. Die Schule ist klar hierarchisch aufgebaut und basiert auf der Idee,
dass die Erwachsenen Macht über die Kinder haben müssen, um sie zu Erwachsenen
herauszubilden.15
Diese Probleme können nicht bloss mit mehr “Chancengleichheit”,
Sozialarbeiter*innen oder ein bisschen mehr Budget für die Schulen gelöst
werden. Bildung hat ein emanzipatorisches Potential und spielt im Aufbau einer
sozialistischen Gesellschaft eine zentrale Rolle. Um dieses Potential zu nutzen,
reicht ein breiterer Zugang zu Bildung nicht. Der Grundanspruch der Bildung muss
geändert werden und die Schule und alle möglichen Bildungsinstitutionen müssen
sich den Bedürfnissen der gesamten Gesellschaft anpassen.
Aus diesem Grund ist eine Konzeptualisierung eines sozialistischen
Bildungssystem dringend notwendig.
Bildung für eine demokratisierte Gesellschaft
Eigentlich soll Bildung Menschen ermöglichen, an einer demokratisierten
Gesellschaft zu partizipieren und ihre eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse
der Gesellschaft zu erfüllen. Dafür wollen wir eine Gesellschaft aufbauen, in
der alle Lebensbereiche demokratisiert werden.
Der Prozess der Demokratisierung sowie die Aufrechterhaltung von demokratischen
Strukturen verlangen eine gemeinsame gesellschaftliche Grundlage. In einer
kapitalistischen Gesellschaft sind demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten
hauptsächlich auf politische Institutionen durch Wahlen, Referenden etc.
begrenzt. Dabei ist demokratische Kontrolle in wichtigen Bereichen, wie z.B der
Produktion von Gütern, komplett inexistent.
Auch in einer sozialistischen Gesellschaft werden wir weiterhin von komplexen
Prozessen und Systemen umgeben sein, über die wir demokratisch bestimmen müssen.
Um solche Entscheidungen zu treffen und zu verstehen, ist eine gemeinsame
Grundbildung sowie die Möglichkeit, sich weiterzubilden oder freiwillig an
jegliche Informationen und Lerninhalte zu kommen grundlegend.
Ein sozialistisches Bildungssystem hat also das Ziel, eine gemeinsame
Wissensgrundlage für die gesamte Gesellschaft sicherzustellen und jegliche
weiterführenden Lerninhalte verfügbar und zugänglich zu machen. Dieses Ziel soll
nicht individuell ausgelegt werden, sondern im Sinne der kollektiven Bedürfnisse
organisiert werden. Eine sozialistische Bildung hat nicht (nur) zum Ziel,
Individuen zu emanzipieren, sondern die Gesellschaft als Ganzes zu emanzipieren.
Um ein solches Bildungssystem aufzubauen, müssen die Voraussetzungen dafür
erfüllt werden. Machtstrukturen, die unser heutiges Bildungssystem prägen,
müssen zerstört werden. Denn nur so kann ein Bildungssystem den Bedürfnissen der
Gesellschaft gerecht werden.
Schulspezifische Machtstrukturen sprengen!
Kinder haben ein Recht auf eine würdige Position innerhalb der Gesellschaft.
Dieses Recht muss in einem sozialistischen Bildungssystem strukturell garantiert
werden. Bildungsinstitutionen müssen daher zwingend demokratisch organisiert
sein und so organisiert werden, dass sie Wissen kollektiv, gleichberechtigt und
gewaltfrei entwickeln.
Machtstrukturen zwischen Erwachsenen und Kindern finden sich im Bildungskontext
wieder. So wird Eltern oder Pädagogen eine gewisse rechtliche und strukturelle
Macht übertragen, da sie auch die Gesamtverantwortung für Minderjährige tragen.
Diese Hierarchisierung während der frühen Sozialisierung von Kindern ermöglicht
es unterdrückerischen Systemen, sich selbst zu erhalten. Indem Minderjährigen
Autorität beigebracht und ihre Vorstellungskraft und ihr kritisches Denkvermögen
eingeschränkt wird, werden sie zur aktiven Erhaltung des Systems gebildet.
Eine gewisse Form der Unterscheidung zwischen Erwachsenen und Kindern ist jedoch
notwendig, da der Konsens und die Entscheidungsfindung von Minderjährigen selbst
in einer sozialistischen Gesellschaft nicht völlig frei und informiert sein
kann, auch wenn es ihr eigenes Zeitmanagement oder Lerninhalte betrifft.
Pädagog*innen und andere Mitglieder der Gesellschaft müssen daher
verantwortungsvoll und im Sinne der Bedürfnisse des Kindes handeln und dabei mit
Empathie handeln. Erwachsenen werden gegenüber Kindern immer eine Machtposition
haben, die mit ihren Erfahrungen und Kompetenzen verbunden ist. Diese darf nicht
missbraucht werden und die von der Gemeinschaft gesetzten Grenzen nicht
überschreiten.
Ein System, das auf Machtmissbrauch und psychische und physische Gewalt durch
Erwachsene basiert und Kindern Entscheidungen aufzwingt hat keinen Platz in
einer sozialistischen Gesellschaft. Eine aktive Beteiligung von Kindern ist
unumgänglich. Kinder, die an Entscheidungen, die sie betreffen, teilnehmen
können werden als vollwertige Personen wahrgenommen und fühlen sich verstanden.
Dies hat einen positiven Einfluss auf das Selbstvertrauen und das
Verantwortungsbewusstsein des Kindes, aber auch auf seine intellektuelle
Entwicklung, im Gegensatz zum Einsatz von Strafen.16
Abgesehen vom Adultismus sind Bildungseinrichtungen von allen
Unterdrückungsstrukturen geprägt. Kinder werden sowohl von den Lehrpersonen als
auch von Mitschüler*innen in Schubladen gesteckt. So ist ein differenziertes
Verhalten zwischen Geschlechtern, Kindern aus reichen oder armen Verhältnissen,
Migrant*innen oder Nicht-Migrant*innen im aktuellen System an der Tagesordnung.
Das aktuelle Bildungssystem ist nicht für alle geeignet und Menschen mit einer
oder mehreren Behinderungen werden systematisch ausgeschlossen. Trotz der
Versuche, das Konzept der inklusiven Schule einzuführen, d. h. das Angebot und
die Form der Bildung an die individuellen Bedürfnisse und vor allem an die
Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anzupassen, sind die bestehenden
Bildungseinrichtungen nicht in der Lage, Unterdrückungsstrukturen abzubauen. Die
inklusive Schule wird übrigens von bürgerlichen Parteien unter dem Argument der
hohen Kosten stark angegriffen.
Ohne gesellschaftliche Machtstrukturen zu zerstören, zu denen im Falle der
Bildung insbesondere der Adultismus gehört, ist es nicht möglich, ein wirklich
kollektives Lernsystem zu schaffen, in dem alle Lernenden gleichberechtigt sind.
Kollektives Lernen und Individualität?
Lernen ist ein kollektiver Prozess, erfordert aber auch individuelle Bemühungen.
Deshalb muss es Bildungsangebote geben, die individuelles Lernen ermöglichen.
Das ist sowohl aus ideologischen Gründen, weil Kinder als Menschen ein Recht auf
Selbstbestimmung haben, als auch aus funktionalen Gründen der Motivation
notwendig.
Selbstbestimmtes Lernen wirkt sich positiv auf die Qualität des Lernens und die
Zufriedenheit der Lernenden aus,17 ist effektiv und fördert die
Lernmotivation18. Neben einer allgemeinen Bildung sollte man sich stärker an den
Bedürfnissen des Kollektivs orientieren und dabei die persönlichen Bedürfnisse
der Einzelpersonen weiterhin beachten. Diese Aufmerksamkeit für jede*n muss im
Schulalltag sowie am Arbeitsplatz möglich sein.
Obwohl die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern berücksichtigt werden
müssen und die Bildung an ihre Fähigkeiten angepasst werden muss, darf man nicht
vergessen, dass ihre Präferenzen - in diesem Fall in Bezug auf das, was sie
lernen möchten - aus ihrer Sozialisation resultieren. Es gibt keine rein
individuellen Bedürfnisse und Wünsche, sondern ein Aufbau von eigenen
Präferenzen in Abgrenzung zu den anderen.19 Somit sind Präferenzen grundsätzlich
soziale Konstruktionen und Lerninhalte müssen kollektiv reflektiert werden, um
den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht zu werden. In einer sozialistischen
und somit klassenlosen Gesellschaft folgt der individualistische Aspekt der
Bildung nicht der kapitalistischen Logik des Individualismus, da alle Menschen
im gleichen sozioökonomischen Verhältnis leben.
Im Gegensatz zum individualistischen Aspekt der Bildung in einem
kapitalistischen System ist die Gemeinschaft das wichtigste und erste Merkmal
einer sozialistischen Bildung. Lernen ist immer ein dialogischer und
dialektischer, also zweiseitiger und interaktiver Prozess. Lernende sind nie nur
«Behälter», die Inhalte passiv aufnehmen, sondern nehmen aktiv und reflektierend
an der Vermittlung von Bildungsinhalten Teil. Im Gegensatz zu einer Pädagogik,
die die Schüler*innen nur „füllen“ will und von Paulo Freire als
„Schulbankpädagogik“20 bezeichnet wird, erkennt die sozialistische Bildung die
gemeinsame Konstruktion von Wissen an, die einen kollektiven Lernprozess
erfordert.
Bildungsinstitutionen
Bildung existiert nicht in einem Vakuum, sondern ist das Produkt von
Bildungsinstitutionen. Diese werden in einer sozialistischen Welt wie der Rest
der Gesellschaft organisiert sein: demokratisch! Entscheidungen zur Bildung
müssen von den Schüler*innen, den Lehrer*innen und allen anderen Personen, die
an der Leitung einer Bildungseinrichtung beteiligt sind, sowie von
Vertreter*innen der Gesellschaft als Ganzes gemeinsam getroffen werden.
Bildungseinrichtungen sollten auf die Bedürfnisse einer lokalen Gemeinschaft
ausgerichtet sein und gleichzeitig Standards erfüllen, die auf einer breiteren
Ebene entwickelt wurden. Ihre Verwaltungsstruktur sollte auf einem zentralen
Modell basieren, das regelmässig geändert und mithilfe der gesammelten
Erkenntnisse verbessert wird. Diese Struktur muss sich dann in ihrer Umsetzung
an die lokalen Bedürfnisse anpassen.
Lokale Bildungseinrichtungen müssen über Plattformen verfügen, die es ihnen
ermöglichen, regelmässig Erfahrungen mit anderen Einrichtungen auszutauschen, um
ihre Arbeitsweise zu verbessern.
Bildungseinrichtungen sollen nicht nur Verwaltungen sein; sie haben auch eine
physische Form, mit Gebäuden und Räumen, in denen der Unterricht stattfinden
kann. Diese Räume müssen für alle offen und zugänglich sein und Dienstleistungen
und Beteiligungsmöglichkeiten für alle anbieten, nicht nur für die
Schüler*innen. Bildungseinrichtungen sollten sich in der Nähe von Wohnorten
befinden, damit niemand einen weiten Weg zurücklegen muss, um sich zu bilden.
Zugängliche Räumlichkeiten für Einzelpersonen oder Gruppen die Bildungsinhalte
vermitteln oder lernen möchten, sowie Ressourcensammlungen sind zentral, um ein
möglichst für alle zugängliches Angebot zu schaffen. Bildungseinrichtungen
müssen entweder grosse Bibliotheken anbieten oder sich in ausreichender Nähe zu
diesen befinden, damit der Wechsel von einem Ort zum anderen leicht möglich ist.
Lehrpläne
Die Ausbildung muss eine gemeinsame Grundlage umfassen, die die Menschen ab
einem frühen Alter beschäftigen soll. Diese gemeinsame Grundalge soll zugänglich
sein, bis die Menschen die notwendigen Grundkenntnisse erlangt haben, um in der
Gesellschaft teilzunehmen. Die detaillierte Struktur dieses
Grundbildungsprogramms muss auf der Basis von gesammelten Erfahrungen angepasst
und regelmässig überarbeitet werden. Natürlich werden je nach Alter
unterschiedliche Lernmethoden angewandt. Bei sehr kleinen Kindern sollten
Inhalte auf spielerische Weise vermittelt und in den Alltag integriert werden.
Mit zunehmendem Alter ist es möglich, schrittweise formellere Unterrichtsmodelle
einzuführen, wobei die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, insbesondere in
Bezug auf Pausen und Ruhezeiten, berücksichtigt werden müssen.
Dieses Grundausbildungsprogramm deckt jedoch nicht alle Bildungsbedürfnisse
einer sozialistischen Gesellschaft ab. Nach Abschluss des Grundlehrgangs sollten
alle Menschen die Möglichkeit haben, ihr Wissen in den Bereichen, die sie
interessieren, durch weiterführende Bildungsprogramme zu erweitern. Um für
möglichst viele Menschen zugänglich zu sein, müssen diese Programme mit der
Arbeit vereinbar sein, insbesondere was den zeitlichen Aufwand betrifft. Die
geplante Kürzung der Arbeitszeit wird Zeit freisetzen, die insbesondere für
diese Bildung verwendet werden kann.
Bildung soll somit das ganze Leben lang zugänglich sein. Dieses Ziel
unterscheidet sich grundlegend vom aktuellen neoliberalen Credo vom
„lebenslangen Lernen“. Dieser aktuelle Diskurs ist nämlich ein Zwang für
Arbeiter*innen, sich beruflich umzuorientieren, da Berufsfelder ständig neu
zusammengesetzt werden, insbesondere durch Stellenabbau. Die heutigen
Weiterbildungsmöglichkeiten zielen in der Regel auf die Entwicklung von
Kompetenzen ab, die für die Privatwirtschaft nützlich sind, und sind oft mit dem
Managementbereich verbunden. Das sozialistische Projekt für die
Erwachsenenbildung sieht ganz anders aus. Alle sollen nicht nur die Möglichkeit
haben, ihr Wissen mit einem zuverlässigen und zugänglichen Bildungsangebot zu
erweitern, sondern sogar dazu ermutigt werden.
Die gesammelten Erfahrungen werden dabei helfen, Lehrpläne zu organisieren. Es
wäre z.B denkbar, verpflichtende Schulungen zu bestimmten Themen anzubieten,
bevor eine kollektive Entscheidung über diese Themen getroffen wird.
Was sollte den Menschen beigebracht werden?
Menschen in einer postkapitalistischen Gesellschaft müssen in der Lage sein,
Teil eines demokratischen Gemeinwesens zu sein und zu diesem beizutragen.
Deswegen müssen sie schon in einem jungen Alter mit demokratischen Strukturen
vertraut gemacht werden. Es reicht jedoch nicht aus, Wissen über Demokratie zu
vermitteln. Kinder müssen schon früh mit demokratischen Strukturen konfrontiert
werden und lernen, sich in einer Demokratie zu engagieren. Kinder müssen lernen,
in einer sozialen Einheit zusammenzuarbeiten.
Erziehung zur Demokratie soll die Fähigkeit zu kritischem Denken fördern. So
sollen alle in der Lage sein, politische und soziale Strukturen zu hinterfragen
und sie nach der materialistischen Dialektik zu analysieren. Darüber hinaus soll
Demokratieerziehung Menschen helfen, ihr eigenes Potenzial zu erkennen und zu
entwickeln.
Bildung muss auch dazu beitragen, dass sich die Menschen als Mitglieder einer
Gemeinschaft entfalten können, was eine gewisse „soziale“ Bildung voraussetzt.
Kinder müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu verstehen und zu respektieren,
aber auch die Bedürfnisse anderer und der Gemeinschaft als Ganzes. Ausserdem ist
das Erlernen kollektiver Entscheidungen und der Zusammenarbeit mit anderen
entscheidend, da eine sozialistische Gesellschaft die natürliche Zusammenarbeit
zwischen den Menschen fördert und nicht den liberalen Wettbewerb. Es ist
wichtig, dass die Menschen lernen, soziale Gerechtigkeit und kollektive
Verantwortung zu verstehen. Sie müssen auch lernen, wie wichtig Solidarität ist
und wie sie gemeinsame Herausforderungen bewältigen können. Das Verständnis von
sozialen Ungleichheiten und strukturellen Ursachen von Armut und Diskriminierung
sind ebenfalls wichtige Aspekte der Sozialerziehung. Dafür müssen auch die
Zusammenhänge zwischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren
vermittelt werden um so besser in der Lage sein, sich für Veränderungen
einzusetzen und mögliche Herrschaftsverhältnisse, die eine sozialistische
Gesellschaft durchdringen würden, zu hinterfragen.
Um eine umfassende und vielfältige Bildung zu bieten, müssen ausserdem alle in
der Lage sein, Werkzeuge des kritischen Denkens, wie z. B. wissenschaftliche
Methoden, anzuwenden. Durch ein Verständnis der Erkenntnistheorie, wird die
Teilnahme an wissenschaftlichen Debatten ermöglicht. Diese Teilnahme ist
notwendig, um den wissenschaftlichen Sozialismus zu verstehen, aber auch für die
Entscheidungsfindung innerhalb einer Gemeinschaft über Themen, die nicht von der
Bevölkerung als Ganzes beherrscht werden. Nur durch diese wissenschaftlichen
Werkzeuge kann man die Informationen, die man braucht, um sich eine freie und
fundierte Meinung zu bilden, kritisch nutzen. Die Arbeit mit wissenschaftlichen
Methoden ist daher emanzipatorisch, da sie neben dem Lernen in Geschichte und
Geisteswissenschaften auch das Lernen aus der Vergangenheit ermöglicht und die
Fähigkeit zum kritischen Denken fördert.
Zudem ist es nicht möglich, sich als Mensch zu entfalten, wenn man nicht von der
eigenen, nicht entfremdeten Arbeit profitieren kann und einer ausgrenzenden Form
der Arbeitsteilung unterworfen ist. Eine emanzipatorische Bildung hat daher auch
die Aufgabe, Menschen mit ausreichenden handwerklichen Fähigkeiten auszustatten,
um durch die eigene Arbeitskraft Gegenstände herzustellen oder sonstige
Bedürfnisse erfüllen zu können. Ohne diese Arbeit, die als Handarbeit oder im
weiteren Sinne als kreativ und produktiv bezeichnet werden kann, werden Menschen
entweder von ihrer Arbeit entfremdet oder verbürgerlicht.
Fazit
Zusammenfassend kann man sagen, dass das derzeitige Bildungssystem zwar
emanzipatorische Elemente enthält, aber hauptsächlich für die Aufrechterhaltung
von Unterdrückungssystemen entwickelt und genutzt wird. Der aktuelle Aufbau des
Bildungswesens in der Schweiz, trägt zur Festigung und Reproduktion der
Unterdrückung durch eine kapitalistische Elite und der daraus resultierenden
sozialen Ungleichheiten bei. Deswegen muss das Bildungssystem von Grund auf neu überdachtkonzipiert werden; kleine Reformen sind keine Lösung.
Um das System zu sprengen, müssen wir uns auf einige strategisch ausgewählte
Punkte konzentrieren. Aus diesem Grund haben wir in unserem bildungspolitischen
Übergangsprogramm die folgenden Forderungen aufgestellt, die wir kompromisslos
verteidigen wollen:
Die Einführung von Strukturen für horizontale und demokratische
Entscheidungen in allen Bildungseinrichtungen
Die Unterstützung der Demokratisierung von Bildungseinrichtungen und die
Bereitstellung neuer Instrumente zur demokratischen Entscheidungsfindung ist
zentral. So können Schüler*innen praktische Erfahrungen zur Demokratie sammeln
und es wird aufgezeigt, dass es möglich ist, Institutionen demokratisch zu
betreiben. Darüber hinaus würde dies das Interesse von Schüler*innen für
demokratische Forderungen am Arbeitsplatz erhöhen und Schüler*innen dazu
bewegen, die aktuellen Produktionsverhältnisse in Frage zu stellen. Die Mittel,
um dieses Ziel zu erreichen, sind vielfältig und hängen von den jeweiligen
Institutionen und ökonomischen Verhältnissen ab und können hier nicht
abschliessend aufgelistet werden.
Kostenlose Bildung, sowohl in Bezug auf Kursgebühren als auch auf
Materialien, in allen Bildungsstufen
Es ist entscheidend, dass Bildung für alle Menschen zugänglich ist. Die
Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung als zentrales Argument für eine kostenlose
Bildung zeigen zudem die Rolle der sozialen Klassenunterschiede und der sozialen
Reproduktion auf.
Die Einführung eines Student*innenlohns, um das Studium für möglichst
viele Menschen zugänglich zu machen und sie wertzuschätzen:
Die Einführung eines Student*innenlohns bedeutet, dass das Studium für seinen
kollektiven und nicht nur individuellen Nutzen anerkannt wird. Darüber hinaus
ist es auch ein Punkt, der es ermöglicht, prekär beschäftigte Student*innen zu
mobilisieren, die dringend finanzielle Unterstützung brauchen. Die Forderung ist
strategisch relevant und stellt die Definition von Arbeit grundlegend in Frage.
Sie bietet also eine Grundlage, um darauffolgend viele relevante Fragen wie die
Care-Arbeit anzugehen.
Über diese Übergangsforderungen hinaus, die es uns ermöglichen, in eine klare
Richtung zu gehen, muss unser Endziel der Umsturz des gegenwärtigen Systems
sein. Eine sozialistische Bildung darf keine Waffe der Unterdrückung sein,
sondern ein Werkzeug der individuellen und kollektiven Emanzipation: Damit wir
nicht länger der Ausbeutung unterworfen sind, sondern uns entfalten können,
müssen wir uns die Fähigkeit aneignen, die Welt zu verändern.
1 Wilhelm von Humboldt, Schriften zur Bildung, Hrsg. Lauer, S. 6.
2 Humanismus ist ein Sammelbegriff für Denkströmungen, die ca. im 18. Jh.
aufgekommen sind und sich für Menschenwürde und Gesellschafts- und
Bildungsideale eingesetzt haben.
3https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017432/2015-03-18/ , geöffnet am 29.11.2024.
4 z.B Einführung des Schulobligatoriums im Jahr 1536 in Genf.
5 Art. 26, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
6Menschen zwischen 25 und 65 Jahren in OECD-Ländern.
7OECD (2024), Bildung auf einen Blick 2024: OECD-Indikatoren, wbv Media,
Bielefeld, https://doi.org/10.1787/e7565ada-de, Seite 53.
8TREE (2016): Documentation on the first TREE cohort (TREE1), 2000–2016. Bern:
TREE.
9Hegemonie bilden - Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci, Maria do Mar
Castro Varela, S. 21.
10Hegemonie bilden - Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci, Maria do Mar
Castro Varela, S. 22.
11Pro Juventute - Stress Studie 2021, S. 4.
12Gesundheit und Wohlbefinden bei Jugendlichen Nora Balsiger, Marina Delgrande
Jordan & Valentine Schmidhauser Sucht Schweiz ,Oktober 2023
13Barrense-Dias Y, Chok L, Surís JC. A picture of the mental health of
adolescents in Switzerland and Liechtenstein. Lausanne, Unisanté – Centre
universitaire de médecine générale et santé publique, 2021 (Raisons de santé
323).
14https://www.srf.ch/news/schweiz/rassismus-in-der-schweiz-immer-mehr-
rassistische-vorfaelle-an-schulen-gemeldet.
15Liebel, Manfred; Meade, Philip - Schule ohne Adultismus? Die Macht über Kinder
herausfordern, S. 206.
16Cuartas J, McCoy DC, Grogan-Kaylor A, Gershoff E. Physical punishment as a
predictor of early cognitive development: Evidence from econometric approaches.
Dev Psychol. 2020 Nov;56(11):2013-2026. doi: 10.1037/dev0001114. Epub 2020 Sep
7. PMID: 32897084; PMCID: PMC7983059.
17Scales of motivational regulation in student learning, Florian H. Müller,
Barbara Hanfstingl & Irina Andreitz, 2007.
18Edward L. Deci/Richard M. Ryan. Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation
und ihre Bedeutung für die Pädagogik.
19Bourdieu, P. (2024). Die Unterscheidung: Sozialkritik des Urteils. Editions de
Minuit.
20Paulo Freire, La Pédagogie des opprimés, Marseille, Agone, Coll. „Contre-
feux“, 2021, 298 S., Vorwort von Irène Pereira, Übersetzung aus dem
Portugiesischen von Élodie Dupau und Melenn Kerhoas, 1. Aufl. 1968, ISBN: 978-2-
7489-0452-9.
Sprache
Comments